Enjoy the Silence
Ich war im Gefängnis. Genauer gesagt im Gedankengefängnis, oder Die Stille, wie diese mentale Ausgeburt der Hölle hier genannt wird. Eigentlich der einzige Ort, an dem man WIRKLICH alleine sein sollte – was mir ehrlich gesagt tausend Mal lieber gewesen wäre, als die Bekanntschaft die ich gemacht habe.
Hast du mich vermisst?
Meinen letzten Brief habe ich dir an Halloween geschickt und jetzt ist der Januar schon fast vorbei, dabei ist in Midnight gar nicht so viel Zeit vergangen. Ich vergesse immer wieder, dass die Uhren hier ein bisschen anders ticken als in deiner Welt. Hinter mir liegen einige echt miese Wochen. Und diesmal meine ich kein “Ups-ich-hab-aus-Versehen-ein-Portal-in-die-nächste-Apokalypse-geöffnet”-mies, sondern ein “Die-Oberen-wollen-aus-meiner-Existenz-Konfetti-machen-und-auf-Midnight-herabregnen-lassen”-mies. Und ich bin selbst daran schuld.
Angefangen hat alles mit einem Jenseits-Arschloch namens Echo. Er hatte mich gefragt, ob ich ihm bei der Besorgung einiger Diesseitsartefakte helfen könnte. Klang erstmal nach nichts Wildem: Kurzstreckenportal in ein anderes Jenseitsgebiet öffnen, Kram eintüten, verschwinden – das war die Abmachung. Dass diese Artefakte in einem Verlies innerhalb einer extrem gut gesicherten Reaper-Anlage versteckt waren, für die meine Befugnisse als Darwin-Reaper bei weitem nicht ausreichte und dass mit ihnen die Versiegelung einer unreinen Seele aufgehoben werden konnte, hat er dabei nicht erwähnt. Ich hab erst kapiert, was los war, als er besagte Seele freigelassen und mich anschließend gezwungen hat, ihm mit einem Portal bei der Flucht zu helfen.
Das allein wäre schon schlimm genug gewesen, aber es war leider nicht irgendeine Seele, die dort versiegelt lag. Wenn Seelen versiegelt und somit quasi bis in alle Ewigkeit aus dem Verkehr gezogen werden, hat das schwerwiegende Gründe, und zwar immer. Aber dieses Exemplar – wie hat Nimitz es so schön ausgedrückt? “Glückwunsch, du Dummpfeife! Du hast wahrscheinlich die kosmische Version eines Serienmörders auf das Jenseits losgelassen.” Mit den Seelen, mit denen ich es sonst zu tun habe, hatte dieses Ding nicht mehr viel gemeinsam. Bis die offiziellen Stellen die Lage wieder vollständig im Griff hatten, war hier die Hölle los und die Aufräumarbeiten sind immer noch im Gange. Welches Wesen auch immer dort seit ewigen Zeiten verschlossen lag, es hat erstmal ordentlich Dampf abgelassen und sich eine Schneise aus Zerstörung und versuchten blutigen Gemetzels durch Midnight gebahnt. Wenn hier nicht ohnehin schon alle tot wären oder die Wesenheit einen Weg in eine lebendigere Dimension gefunden hätte, wäre ich wahrscheinlich als nächstes versiegelt worden. Der Schaden, den sie bei ihrem verheerenden Ausflug durch Midnight an dessen Architektur und Einwohnern anrichten konnte, war dennoch enorm, auch wenn eingebüßte Gliedmaßen hier drüben ersetzlich waren und die Stadt sich mit der Zeit selbst heilen konnte. Du kannst dir bestimmt schon vorstellen, wem sie die Schuld dafür gegeben haben.
Mit langwierigen Gerichtsverhandlungen hat es der Hohe Rat – Stellvertreter der Oberen und Justizorgan in einem – nicht so, deshalb fand meine Anhörung auch schon wenige Tage später statt. Wirklich verteidigen konnte ich mich nicht, schließlich hatten sie mich ja auf frischer Tat ertappt und von Echo fehlt bis heute jede Spur, somit musste ich auf die Verkündung meiner Strafe auch nicht lange warten. Sie lautete: sechs Tage Stille. Eigentlich wären es acht gewesen, drei wurden mir allerdings gnädigerweise erlassen, weil Echo mich dorthin gelockt hatte, einen Tag gab es jedoch für versuchte Schwarzmarktaktivitäten obendrauf. Du denkst dir jetzt bestimmt: ‘Sechs Tage irgendwo rumsitzen, wo es ruhig ist, wo ist das Problem?’ Aber du hast keine Ahnung, was Die Stille mit einem macht, wenn man zu lange dort drin ist. Die Stille ist die einzige, wirklich schlimme Strafe, die einen hier drüben treffen kann und sie wird auch gerne mal zur reinen Abschreckung vollstreckt oder wenn die Obrigkeiten ihren Standpunkt klar machen wollen – nämlich den, dass sie über dir stehen. Fast jeder Bewohner Midnights hat schon mal Bekanntschaft mit der Stille gemacht und die, die man für Länger dort eingesperrt hat, waren hinterher nicht mehr dieselben. Die Stille ist ein Gefängnis für das Bewusstsein und dort herrscht pures Nichts. Kein Licht. Keine Geräusche. Keine Fähigkeiten. Kein Zeitgefühl. Nur du und dein Bewusstsein, das sich langsam gegen dich wendet, bis du irre wirst und dich früher oder später selbst in einen sabbernden Haufen Wahnsinn verwandelst. Manche Teile Midnights sind ein chaotischer Sumpf aus abartigen Gestalten, aber selbst die größten Psychopathen hier drüben haben Angst vor der Stille. Daher kommen wirklich schwere Regelverstöße oder Straftaten bei uns echt selten vor. Niemand möchte sich für ein paar Kröten oder aus Ärger über jemand anderen in dieser ganz eigenen Variante einer Hölle das Gehirn frittieren lassen. Außer natürlich diejenigen, die wissen, wie man sich bei seinen Schandtaten unter dem Radar bewegen oder anderen armen Schweinen die Schuld in die Schuhe schieben kann. Armen Schweinen wie mir.
Ich bin schon einmal in der Stille gewesen, ziemlich am Anfang meiner Reaperzeit und nur für wenige Minuten. Aber es hat sich damals schon wie eine Ewigkeit angefühlt und für immer in mein emotionales Gedächtnis eingebrannt. Am Anfang ist es nur hoffnungslose Dunkelheit und ein Gefühl von tauber Schwerelosigkeit, aber nicht im positiven Sinn und um dich herum herrscht absolute Geräuschlosigkeit, nicht einmal du selbst kannst echte Laute erzeugen. Schließlich findet ja alles nur in deinem Kopf statt. Es gibt keinen Boden, keine Wände, keine Decke – egal in welche Richtung du dich bewegst, um dich herum existiert nur pure Schwärze, die jede Bewegung unendlich mühsam erscheinen lässt. Es ist fast ein bisschen, als würdest du durch Wasser laufen, nur dass dieses Wasser etwas feindseliges ausstrahlt. Dann passiert erstmal eine Weile….Nichts. Aber dieses Nichts dehnt sich aus, fühlt sich an wie Stunden, Tage und Wochen. Und dann, gerade wenn du denkst, da kommt nichts Schlimmes mehr, fängt dein eigenes Hirn an, flüsternd mit dir zu reden. An diesem Punkt wurde ich damals aus der Stille entlassen und hatte es seither geschafft, einer Wiederholung dieses psychischen Horrortrips aus dem Weg zu gehen. Bis zu dem Tag, an dem ich diesen Bastard Echo getroffen habe. Ich bekam noch zwei Tage Schonfrist, bis der ganze Papierkram erledigt war, in denen Nimitz und Gørdy versuchten, mich so gut es ging abzulenken, aber schließlich war der Moment gekommen.
Da saß ich also in den tief verzweigten Fluren der Reaperzentrale vor einer nichtssagenden schwarzen Tür und wartete auf meinen Aufruf zum Abdriften in die mentale Folterkammer, der nur noch wenige Momente entfernt war. Wenn ich dem, was vor mir lag, entgehen wollte, gab es nur eine Option für mich: das Aufgeben meiner Existenz und dazu war ich nicht bereit. Entweder Die Stille oder Auslöschung, so einfach ist das hier – und glaube mir, es kommt häufiger vor, dass sich jemand für Auslöschung entscheidet, als du denkst. Bewusst nahm ich meine letzten Momente vor der absoluten Dunkelheit wahr: wie ich in den Raum geführt wurde, was um mich herum vor sich ging und wie sich meine Umgebung anfühlte. Ich prägte mir die Anzahl der Schritte zur Tür ein. Die Runen auf den nackten Steinwänden um mich herum. Das raschelnde Geräusch meines Umhangs, wenn ich mich bewegte. Den muffigen Geruch des abgewetzten Liegestuhls, auf dem ich Platz nehmen musste. Nimitz hatte mir diesen Trick vor meinem ersten Mal in der Stille verraten. Ich sollte mich auf so viele Details wie möglich konzentrieren und sie mir immer wieder vor Augen führen, wenn mein Gehirn in der Stille anfängt, mir Streiche zu spielen. Als Erinnerung daran, dass nichts von dem, was dort drin passierte, real war und ich mich, zumindest physisch, in Sicherheit befand.
Kaum hatte ich mich hingesetzt, verspürte ich bereits das unangenehm kribbelige Gefühl der Stasisbanne, die meinen Körper in den kommenden Tagen ruhig stellen sollten. Niemand sprach mit mir. Die beiden Wächter, die sich mit etwas Abstand rechts und links von mir positioniert hatten, murmelten nur monoton ihre Sprüche vor sich hin, bis mir zuerst leicht schwindelig wurde und meine Wahrnehmung schließlich zur Seite zu kippen schien, als mein Körper sich von sämtlichen Sinnen verabschiedete und um mich herum alles schwarz zu werden schien. Mein Bewusstsein begann immer weiter abzudriften und ich konnte nichts dagegen tun, so sehr ich es auch versuchte. Binnen weniger Augenblicke überfiel mich das ekelhaft schwerelose und zugleich einlullende Gefühl, an das ich mich noch gut von meinem ersten Ausflug in Die Stille erinnern konnte. Der Verlust der Orientierung in einer Dunkelheit, an die sich die Augen nie gewöhnen können und einen stattdessen mit flackernden Mustern und unlustigen Halluzinationen belohnen. Die schwerfälligen Bewegungen meines “falschen” Körpers, die sich anfühlen, als würde mich etwas Gallertartiges festhalten und zeitgleich in alle Richtungen ziehen wollen, nur nicht in die, in ich mich bewegen will. Das Rauschen in den Ohren, das durch die Abwesenheit aller anderen Geräusche immer lauter zu werden scheint.
Dieser lähmende, aber noch einigermaßen friedliche Zustand hielt eine kurze Weile an, doch schließlich schlichen sich gehässigen Stimmen in das Rauschen und Pfeifen, die sich jetzt vermutlich für immer in einer Ecke meines Gedächtnisses festgefressen haben und nie wieder ganz verschwinden werden. Erst war es nur ein leises Zischen in meinem Hinterkopf, doch es wurde langsam lauter und in meiner Brust fühlte es sich an, als würde sich dort eine Faust um mein Innerstes legen. Sie strahlte etwas Eisiges ab, das sich langsam in mir auszubreiten schien. Aus dem Zischen wurde eine Art Summen, bis ich schließlich verstehen konnte, was die Stimmen mir, mal mit spöttischen, mal bedrohlichem Ton einflüsterten: „Erinnerst du dich an den Typen, dessen Seele du aus Versehen pulverisiert hast?“ – “Was machst du überhaupt hier? Sie hätten dich niemals zum Reaper machen sollen.” – „Was, wenn das hier für immer ist?“ – “Sieh dich an, wie erbärmlich. Nimitz hat Recht, du bist eine wandelnde Katastrophe.” – “Wenn das Universum einmal endet, was wird dann aus uns?” – “Du hast es verdient, hier drin zu sein. Sie hätten dich für immer wegsperren sollen, bevor wegen dir noch jemand drauf geht.” – “Vielleicht warst du im echten Leben auch schon so ein Loser und bist deshalb bei den Darwins gelandet.” – “Wie lange bist du schon hier? Stunden? Minuten? Nicht lange genug!” – “Was, wenn du hierher gehörst? Was, wenn draußen niemand mehr auf dich wartet?”
Immer lauter prasselten verwirrende Fragen und verletzende Gemeinheiten auf meinen Verstand ein. Mühsam versuchte ich, mir die eingeprägten Bilder aus Midnight vor Augen zu rufen, doch sie wurden mir durch die anschwellende Kakophonie in meinem Kopf zusehends entrissen, wie welke Blätter im Sturm, während der kalte Griff in meiner Brust noch fester zudrückte. “HÖRT AUF! SEID ENDLICH STILL!! HALTET DIE VERDAMMTE SCHNAUZE!”, schrie ich erschöpft und lautlos in die alles verzehrende Finsternis – und bekam eine echte Antwort. Zumindest bildete ich mir ein, dass sie echt war.
„Warum so unhöflich? Wir haben uns doch noch gar nicht richtig vorgestellt.“, ertönte eine unangenehme säuselnde Stimme außerhalb meines Kopfes, die von überall zu kommen schien und sich anfühlte, als würden rostige Nägel an der Innenseite meines Schädels entlang kratzen. Wie lange war ich schon hier drin? Begann ich langsam, meinen Verstand zu verlieren? Ich erstarrte und versuchte, mit aller Kraft das Gezeter in mir auszublenden, um mich besser auf mein Außerhalb konzentrieren zu können. War da jemand in der Stille? Oder Etwas? Das sollte unmöglich sein! „Ich muss träumen. Nein, warte, ich kann hier nicht träumen. Verdammt, halluziniere ich jetzt?“, sagte ich stumm zu mir selbst, um wieder die Oberhand über meine Gedanken zu erhalten. Vergeblich. „Oh nein, Süße“, antwortete die Stimme erneut mit einem raubtierhaften Unterton, als hätte sie meine Überlegungen verstanden. „Aber wenn du noch ein bisschen länger hier bleibst, können wir daran arbeiten.“ Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Was war das?
“Wir sind schon sehr, sehr lange hier eingesperrt, wir können uns nicht mal mehr an unseren Namen erinnern.” tropfte die Stimme wie flüssiges Gift in meine Ohren. “Aber du kannst uns Silas nennen. Und wir sind sehr froh, dass du gekommen bist.” “Ja danke, ich leider nicht so.”, erwiderte ich in meinem langsam leiser werdenden Kopf, als mich eine kurze Welle der Übelkeit durchströmte. “Moment, du redest von dir in der dritten Person und nennst dich Silas? Silas the Silence? Das kann nur ein bescheuertes Hirngespinst sein.” Ich spürte, wie Silas näher kam und die Übelkeit in gleichem Maße anschwoll. Konnte ich mich hier drin überhaupt übergeben? Ich hatte keine Lust, es heraus zu finden, doch die Präsenz kam mir bedrohlich näher. “Du weißt gar nicht, wie einsam es hier ist“, knurrte das Wesen. „Du bist erst ein paar Stunden hier und drehst schon durch. Stell dir vor, du wärst… Jahrhunderte hier. Jahrtausende! Wir wissen längst nicht mehr, wie lange Okoshin uns schon hierher verbannt und vergessen hat. Viele, die vor dir hier waren, sind daran zerbrochen, aber wir sind noch hier und finden keinen Ausweg und auch keine Ruhe.“ – “Okoshin? War das der Wächter, der dich damals mit den Bannen belegt hat?” Mir sagte der Name nichts, aber das heißt ja nicht viel. Wen kenne ich schließlich schon? Nimitz könnte mehr wissen, aber der war leider unerreichbar für mich. Doch etwas schien dieser Name trotzdem zu bewirken, Silas hielt kurz inne, als schien er zu überlegen oder sich an etwas zu erinnern und auch mein nicht vorhandener Magen fühlte sich für einen Moment besser an. Doch die Verschnaufpause währte nicht lange. Mit einer Wut, wie ich sie noch nie bei einer Seele, einem Menschen oder irgendeinem anderen Wesen jemals verspürt hatte, preschte er – oder es – auf mich zu und brüllte: “Er war mein Richter und mein Henker, dabei war er selbst nicht weniger schuldbehaftet, als ich!” Die Übelkeit fiel augenblicklich wieder über mich her und eine unbeschreibliche Welle aus Hass, Ekel und Verzweiflung brandete für die Dauer eines Herzschlages über mich hinweg. Das waren nicht meine Emotionen, es waren die des Wesens. Ob mit Absicht oder nicht, ich hatte einen Blick auf sein wahres Selbst erhascht. Tosend fuhr es fort: “Diese hinterlistige Ratte wollte seine Spuren verwischen, er hat uns hierher gebracht und uns unseres Körpers und seiner Fähigkeiten beraubt. Aber meine Zeit der Rache ist gekommen und du wirst mir dabei helfen.” Nicht schon wieder!
Noch einmal versuchte ich, mir das Zimmer und den Stuhl, in dem sich mein Körper befand, vor Augen zu führen. Die Erinnerungen heraufzubeschwören, die mich erden und mir helfen sollten. Ich musste hier irgendwie raus kommen. Das hier konnte nicht echt sein, es durfte nicht echt sein. “Es spielt keine Rolle, ob ich echt bin oder ob du mich dafür hältst. Ich bin jetzt hier und ich werde mit dir kommen, wenn du diesen Ort der Qual wieder verlässt.”, vernahm ich Silas’ Worte. Ich konnte mich nicht vor ihm verstecken, ich spürte, wie er versuchte in meinen Kopf zu kriechen – oder daraus zu entkommen? “Nicht mehr lange!”, hörte ich ihn von überall um mich herum triumphieren. Vor meinem inneren Auge hingegen, blitzten schmerzhafte Bilder einer Kreatur auf. Ein verzerrtes Etwas, halb Existenz, halb Wahnsinn. Im Bruchteil eines Augenblicks ging dieses…Ding auf mich los, es packte mich mit seinen metaphysischen Klauen und klammerte sich fest an mich. Ich hatte nicht einmal den Hauch einer Chance, seinem eisernen Griff etwas entgegen zu setzen und weglaufen war hier drin sowieso ein Ding der Unmöglichkeit. Weiter flöste er mir Worte und Gedanken ein, um mich endgültig zu brechen. „Mach’s dir bequem, Kleine. Wir bleiben jetzt bei dir. Für immer.“ Das Gebrüll in und außerhalb meines Kopfes nahm erneut Fahrt auf, immer mehr fremde Gedanken und grelles Blitzgewitter wüteten in mir und ich spürte, wie mein Widerstand schwächer zu werden begann. Immer verzweifelter klammerte ich mich an jeden Erinnerungsfetzen, der mir einfiel…der Raum, in dem sich mein Körper befand, die Fassade des Gebäudes, in dem dieser Raum war, der Weg von zuhause dorthin. Mühsam und unendlich zäh dachte ich mich in der Zeit zurück, doch Silas mentaler Griff hielt ungebrochen dagegen, drängte mich sogar noch mehr zurück. Gedanken, die längst nicht mehr meine waren, schoben sich in mein Gehirn, als wären sie schon immer da gewesen. Und ich spürte noch etwas,,,Erinnerungen, die nicht mir gehörten, fluteten auf mich ein. Nicht als Bilder, Geräusche oder Stimmen, sondern als Gefühle. Das allmähliche Erlöschen jeglicher Hoffnung, die bittere Erkenntnis, dass Schreien hier nichts bringt. Jahrhunderte der Isolation, die sich wie eine schwarze Masse um ein Bewusstsein windet, das verzweifelt an der eigenen Existenz festhält. Ich fühlte, wie Silas gelernt hatte, sich von sich selbst abzuspalten, wieder und wieder, nur um nicht mehr allein sein zu müssen. Wie er Stimmen erfunden und sie mit Persönlichkeiten ausgestattet hatte, wie er in diesem Gefängnis aus Dunkelheit und Einsamkeit ganze innere Welten erschuf und wieder zerstörte, wenn sie zu real wurden. Er war der Herrscher über sein eigenes Reich geworden. Einem Reich aus Sehnsucht, Verderben und Leid. Ein benommener Gedanke machte sich in mir breit: So fühlt sich die Ewigkeit an. So fühlt sich das an, was von jemandem zurück bleibt, der zu lange in der Stille gefangen war.
“Du kannst es spüren, oder?” Silas klang zufrieden. Seine Umklammerung wurde noch fester, noch einnehmender. “Du bist die Erste seit so langer Zeit, die uns gehört. Mit der wir spielen können. Und die kräftig genug ist, um uns zu befreien,” Ich wünschte, mir wäre in dem Moment ein passender Spruch eingefallen, aber meine mentalen Kräfte waren aufgebraucht und ich hatte dem Wesen, das so lange in der Dunkelheit auf ein Opfer gelauert hatte, nichts mehr entgegenzusetzen. Silas begann, sich auszubreiten. Nicht im physischen Sinn, das war hier drin bedeutungslos, sondern psychisch. Wie stetig wachsender, alles verschlingender Schimmel legte er sich über meine Wahrnehmung. Letzte Erinnerungen flackerten auf, ich sah Nimitz, mein Zuhause, meinen Mondgarten, meine Freunde, Neonlichter und vertraute Orte – doch sie wirkten fremd und weit weg, wie die Kulisse eines Theaterstückes in dem ich mal war oder ein flüchtiger Blick auf die Umgebung aus einem fahrenden Auto heraus. Und mit einem Mal fühlte ich mich sehr sehr müde – ein Gefühl, an das ich mich seit meiner Ankunft vor so vielen Leben nur noch vage erinnern konnte. Es fühlte sich unendlich schön an, geborgen. Selbst die Stimmen wurden davon gedämpft. Bis auf eine. Leise, fast schon liebevoll säuselte Silas mir ins Ohr: “Lass los. Hör auf zu kämpfen und lass uns rein. Wenn du uns erlaubst, mit dir zu kommen, können wir deine Qual lindern und deinen Verstand schützen. Du musst uns nur willkommen heißen.” Für einen winzigen, schrecklichen Augenblick war ich versucht, sein Angebot – oder eher seinen Befehl – anzunehmen. Das Versprechen von Ruhe und innerem Frieden, nicht mehr allein denken oder kämpfen zu müssen, sich an nichts mehr zu erinnern. Zu schön waren die Bilder, die er mich sehen ließ.
Doch dann sah ich noch etwas, nur für einen kurzen Moment, doch dieser reichte aus, um mich aus meiner Trance zu befreien. Ich sah, was mit denen passiert war, die vor mir hier gewesen waren. Silas hatte versucht, sie mürbe zu machen, so wie mich in diesem Moment, bis irgendwann nur noch ein kläglicher Rest von Ihnen übrig blieb, den er absorbieren und seiner eigenen Sammlung von Stimmen hinzufügen konnte. Silas war kein einzelnes Wesen mehr, sondern ein Grab für all diejenigen, die sich ihm widersetzt hatten, “Lass uns rein.”, wiederholte er seine Worte von vorhin, fast schon zärtlich, und ich hörte tausend andere Stimmen darin, die das gleiche sagten. Der Druck in meiner Brust und das mentale Hämmern gegen meine Schädeldecke wurden unerträglich. Ich spürte, wie etwas an mir zog, nicht ruckartig oder brutal, sondern beharrlich und mit der Geduld eines Jägers, der wusste, dass seine Beute ihm nicht mehr entkommen konnte, “Wenn wir eins sind, wirst du vergessen, dass du kämpfen wolltest.” Da begriff ich, was Die Stille wirklich war. Das hier war kein Ort der Strafe, sondern ein Ort, an dem man irgendwann aufhörte, jemand zu sein, wenn man nicht stark genug war. Und das war niemand.
In diesem Moment drang ganz leise, wie aus sehr weiter Entfernung, Nimitz’ Stimme in mein Bewusstsein. “Deremona, was ist los mit dir? Dein Körper zuckt wie verrückt und du machst Geräusche, als hättest du den schlimmsten Albtraum deines Unlebens.” Wäre ich halbwegs klar im Kopf gewesen, wäre meine erste Frage an ihn vermutlich gewesen, wie er es geschafft hat, eine Verbindung zu mir aufzubauen. War ich aber nicht, also schickte ich nur ein schwaches “Hilfe. Nicht allein. Angreifer.” zurück. Ich wusste nicht, wie lange ich Silas’ Einflößungen noch ertragen konnte, bevor ich den Verstand verlieren würde. Wortwörtlich, schließlich bestand ich hier drin aus nichts anderem. Ich bäumte mich mit allem, was ich noch hatte, gegen die Gestalt auf, in deren verzehrendem Griff ich gefangen war. Es fühlte sich alles so unglaublich zäh und langsam an, dabei meinte Nimitz später, es hätte keine halbe Minute gedauert, mich zurückzuholen. In diesen paar Sekunden kämpfte ich unendlich lange gegen das Wesen an, das immer verzweifelter versuchte, mein Entkommen – und damit das Verschwinden seiner Fluchtmöglichkeit – zu verhindern. “Wir lassen dich nicht gehen. Bleib bei uns!”, kreischte es immer wieder.
Ich kann dir nicht mehr im Detail erzählen, wie ich es geschafft habe, Silas zu entkommen, alles ging so unglaublich schnell und langsam gleichzeitig. Aber als ich etwas weiches unter mir spürte, die stoffliche Welt um mich herum wahrnahm und blinzelnd die Augen öffnete, stellte ich fest, dass ich auf der alten Hollywood-Schaukel in meinem Mondgarten lag und Nimitz mich mit besorgten Augen beobachtete. “Ich war noch nie so froh, Neonlicht zu sehen.”, war das erste, was ich dachte. Reden war noch zu anstrengend. “Wie bin ich hierher gekommen?” “Du warst nicht ganz drei Tage in der Stille, als ich irgendwie ein komisches Gefühl bekam und nach dir sehen wollte. Als ich ankam, waren in deiner Zelle schon jede Menge Leute, aber sie schafften es nicht, dich zurückzuholen oder auch nur zu beruhigen. Erst als ich versucht habe, dich über unsere Bindung zu erreichen, bist du kurz aufgewacht. Du hast um dich geschlagen und gerufen: ‘Ist es noch da? Ist Silas noch da?’, dann bist du umgekippt und hast bis jetzt geschlafen. Das ist mehr als 20 Stunden her. Was war da drin los?” “Lange Geschichte. Aber erstmal…Hunger!” “Kommt sofort. Ich habe dir Ramen besorgt, aus dem kleinen japanischen Familienimbiss, der 1978 dicht gemacht hat.” “Hifumi Ramen!!! Wenn ich aufstehen könnte, würde ich dich küssen und du würdest so tun, als würdest du es hassen, aber in Wirklichkeit freust du dich, dass ich wieder da bin.” “Ich sterbe vor Lachen.”, erwiderte mein Freund und Begleiter trocken. “Aber ich sehe das als erstes Zeichen, dass du noch du selbst bist.” „Witzig, dass du das sagst, wen hattest du denn erwartet?” “Ich weiß es nicht, aber es hat sich angefühlt, als ob noch etwas anderes bei dir war, als ich unsere Bindung genutzt habe. War das Silas?” “Silas, the Silence. Klingt wie ein schlechter Comedian, war aber alles andere als lustig. Ich erzähl dir gleich alles, aber ich brauch wirklich erstmal was zu Essen.”
Nach meiner zweiten Portion der leckersten Ramen in Raum und Zeit, setzte ich mich vorsichtig auf und berichtete Nimitz mit leicht heiserer Stimme, was geschehen war. “Ich wusste doch, dass was nicht stimmt. Wenn es jemand schafft, sich sogar in der Stille in Schwierigkeiten zu bringen, dann bist du das.” “Haha, ich lache später. Und was bedeutet das jetzt für mich? Was ist, wenn ich irgendwann nochmal da rein muss und Silas dort auf mich wartet?” “Erstmal müssen wir sichergehen, dass er wirklich dort geblieben ist und er durch dein Aufwachen nicht einfach nur ausgeknockt wurde.” Die Nacht wurde ja immer besser. Neue Angst freigeschaltet, dankeschön , Nimitz! “Und wie machen wir das?”, fragte ich ihn. “Ich befürchte, das wird einige Zeit dauern, zumindest wenn er sich schlau verhält. Ich werde dich im Blick behalten, um festzustellen, ob sich etwas an dir oder deiner Aura verändert.” antwortete er mit ernstem Blick. Mir schossen alle möglichen Horrorszenarien durch den Kopf, ich sah mich schon als Marionette von diesem Ding. Nimitz schien das zu spüren, jedenfalls versuchte er, mich zu beruhigen. “Im Moment sehe ich kein Anzeichen dafür, dass außer dir noch etwas mit aufgewacht ist. Und wenn da doch etwas sein sollte, werden wir uns darum kümmern, wenn es soweit ist. Bis dahin werde ich ein paar Gefallen einfordern und versuchen herauszufinden, was Silas überhaupt ist. Und ich werde mich erkundigen was es mit diesem Okoshin auf sich hat, von dem Silas gesprochen hat, vielleicht hat der ein paar Antworten. Sofern wir ihn finden. Versuch, dir keine Sorgen zu machen.” Ich grübelte immernoch vor mich hin, wenn auch nicht mehr so panisch. “Mach dir lieber Gedanken darüber, welche Serien wir als nächstes durchsuchten sollen, du bist nämlich erstmal bei vollen Bezügen beurlaubt, bis ich denen sage, dass du wieder fit bist.”, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu. Wenigstens ein Gutes hatte der ganze Schlamassel, ich muss mich die nächste Zeit nicht mit kürzlich verstorbenen Idioten herumschlagen.
Damit verabschiede ich mich erstmal von dir und berichte dir das nächste Mal, wie es um meine Vielleicht-Bessesenheit steht. Drücken wir mal die Daumen, dass mein nächster Brief nicht von Silas kommt. ❡
Bis bald,
DD