Die Nacht der untoten Lebenden
Diesmal nehme ich dich mit auf einen scheinbar idyllischen Halloween-Auftrag: ein verschlafenes Dorf, ein explodiertes Heimwerker-Experiment und eine Pflanzenschutz-Formel, die alles — aber wirklich alles — gründlich ruiniert. Was als routinemäßiges Abholen einer Seele beginnt, endet in einer schwarzen Komödie aus schlurfenden Dorfbewohnern und mutierenden Seelen. Was das alles mit Schnecken zu tun hat? Finde es heraus!
Dunkle Grüße aus Midnight (mit Kürbissaft und Kerzenschein),
die Barriere zwischen unseren Welten ist sehr dünn heute Nacht. Auch Midnight strahlt an Samhain, oder Halloween, wie die meisten von euch diesen besonderen Tag nennen, in einer ganz eigenen Magie – leider nicht immer nur im Positiven. Eigentlich sollte man meinen, dieses ganze Reaper-Ding lässt einen irgendwann abstumpfen, aber selbst nachdem ich inzwischen unzählige Male miterleben durfte, wie aus Fantastereien Wirklichkeit wurde, schafft es die astrale Welt noch immer, mich wieder und wieder zu überraschen. Und gerade an Tagen wie heute, in denen die Grenzen zwischen den Dimensionen nur noch ein sterbender Hauch im Universum zu sein scheinen, kann es besonders verrückt werden. Von einem dieser Fieberträume, die sich mein Unleben nennen, möchte ich dir heute erzählen.
Vor einigen Jahren bekamen Nimitz und ich zu Halloween den Auftrag, eine Seele in einem verschlafenen kleinen Städtchen mitten im Nirgendwo abzuholen. Jemand hatte sich laut Auftrag mit sowas wie einem Chemiebaukasten selbst in die Luft gesprengt und uns diesen Ausflug aufs Land beschert. Ein paar kleinere Farmen und jede Menge Wald umrahmten die idyllische Dorf-Szenerie, als wir mit dem letzten Glühen des tief orange-roten Sonnenuntergangs unser Portal durchschritten. Ich schloss die Augen, atmete tief durch die Nase ein und konnte den angenehmen Geruch von Nadelbäumen und nassem Herbstlaub wahrnehmen. Der Abend schien ruhig, irgendwo zirpten ein paar Grillen, die letzten Vögel des Tages sammelten sich für die Nacht in den Bäumen und für einen Moment genoss ich einfach nur die friedliche Stille um uns herum.
Unter die Harmonie aus Vogelgezwitscher und Insektenkonzert mischten sich jedoch auf einmal noch andere, sehr misstönende Geräusche. Ein Röcheln? Stöhnen? Mit noch immer geschlossenen Augen, fragte ich Nimitz ärgerlich: “Würgst du grade einen Haarballen hoch oder was wird das? Hör auf damit, das klingt eklig!” Selbst mit geschlossenen Augen konnte ich seinen empörten Blick auf mir spüren und sah schließlich grinsend zu ihm hinunter. Mit völlig neutraler und gleichzeitig angepisst wirkender Mine starrte er zurück. “Haha, du weißt, dass ich das schon sehr lange nicht mehr in der Öffentlichkeit mache!”, antwortete er trocken. “Das kommt nicht von mir, du alte Spotthexe, aber bei unserem Glück finden wir bestimmt gleich heraus, wer oder was das ist. Wir sollten uns ohnehin beeilen, wenn wir noch rechtzeitig zu Gørdys Filmmarathon des Grauens da sein wollen.”, sprach er gelangweilt weiter und fügte halb nuscheln hinzu: “Für mich gesprochen, weiß ich noch nicht mal, ob ich das überhaupt will. Wer weiß was für filmische Absurditäten er dieses Jahr aufgestöbert hat.”
Währenddessen gingen wir der Geräuschquelle entgegen. Nimitz war schon den ganzen Tag so mürrisch gewesen, ich versuchte trotzdem, ihn bei Laune zu halten: “Ach komm schon, du weißt, wie sehr sich Gørdy immer auf seine Rolle als Gastgeber freut. Er wird dir den ganzen Abend den Arsch nachtragen und dich mit Eure nimitzliche Hoheit ansprechen, wenn du das von ihm verlangen würdest. Nur um einen glücklichen Gast aus dir zu machen. Außerdem musst du zugeben, dass einige seiner Filmabende legendär waren. Vielleicht wirds heute ja wieder so?” “Schlimmer kanns ja nicht werden.” Ich wollte gerade etwas erwidern, kam aber nicht mehr dazu, denn als wir um die Ecke des nächsten, mit künstlichen Spinnweben, Geistern und Fledermäusen verzierten Häuserblocks bogen, kam uns eine Frau mittleren Alters entgegen geschlurft, mit seltsam blasser, gefleckter Haut und trüben Augen. Als sie näher kam, sah ich, dass ihr Mund leicht geöffnet war und daraus Spucke über ihr Kinn lief. “Hattest du nicht was von einem älteren Mann gesagt?”, fragte ich Nimitz leicht angewidert, als die Frau völlig apatisch zwischen uns hindurch schlurfte. “Naja, vielleicht wars ja eine Party und da kommt noch mehr Arbeit auf uns zu? Ist erstmal auch egal, die ist noch nicht so weit. Auch wenn sie nicht den Eindruck macht, ihre Seele ist noch in ihr drin und solange sich daran nichts ändert, müssen wir uns auch nicht darum kümmern.” antwortete er mit einem verdutzten Schulterzucken und ergänzte mit wachsam erhobener Nase: “Suchen wir erstmal unsere Seele, wenn bis dahin keine Verstärkung eintrifft, sammeln wir den Rest des Ensembles später noch ein.”
Wir folgten der Straße, weiter hinein in das Städtchen und weg von der seltsamen Frau, bis wir ihr Röcheln nicht mehr hören konnten. Und auch sonst nichts mehr, was darauf hindeuten würde, dass hier Menschen lebten.“Fällt dir auf, wie ruhig es hier ist?” kam mir Nimitz in Gedanken meiner eigenen, gleichen Frage, zuvor. Zwar war es inzwischen vollständig dunkel geworden und überall brannten kleine Kerzen in selbst geschnitzten Kürbisgesichtern, aber selbst für Kleinstadtverhältnisse war es viel zu ruhig auf den Straßen. Vor allem für Halloween, die Nacht der Streiche, Kostüme und Teeniedramen. Trotzdem war niemand unterwegs und auch in den Fenstern der uns umgebenden Gebäude brannten nur vereinzelte, schummrige Lichter. Die einzigen Geräusche um uns herum waren das statische Surren einer kaputten Glühbirne in der Straßenlaterne neben uns und das Rascheln von welkenden Blättern im Wind. “Vielleicht eine Halloweenparty auf einem der Höfe am Stadtrand und das ganze Dorf macht mit?” fragte ich Nimitz gespielt optimistisch. “Entweder das oder sie wurden von Aliens entführt.”, gab er schnuppernd und noch immer grummelig zurück. “Ist erstmal nicht unser Problem, solange wir unsere Seele finden.”
Zwei Querstraßen später kamen uns drei Leute entgegen, ein junger Mann und zwei Frauen Mitte Zwanzig, alle im gleichen Zustand wie die Dame, die wir in der Nähe unseres Portals getroffen hatten. Wir blieben stehen und beobachteten sie bei ihrer langsamen Wanderung und wieder hielt Nimitz seine Nase schnüffelnd in die Luft, dem Trio hinterher. “Sie riechen komisch, als wären sie weder tot noch lebendig. Oder beides gleichzeitig, schwer zu erklären. Ich hasse diese Nacht, alles spielt in den unpassendsten Momenten verrückt. Wir sollten die Finger von diesem Auftrag lassen und nach Midnight zurückkehren. Hier geht etwas vor sich, das definitiv nicht unser Problem sein sollte.” In diesem Moment huschte am Rand unseres Sichtfeldes ein durchscheinender Schimmer mit menschlichen Umrissen vorbei. Das war unsere Seele! Wir sahen uns kurz an und sprinteten beide los. Wenn wir Glück hatten, konnten wir sie noch schnappen und abhauen, bevor was auch immer für ein Scheiß hier im Gange war, eskalieren konnte.
Unser Ziel, Talvina Korman, 56, ihres Zeichens frühpensionierte Grundschullehrerin und Hobbybiologin mit Gärtnerleidenschaft, raste dem Grüppchen, das uns gerade entgegen gekommen war, fast schon raketengleich hinterher. Sie versuchte, sich ihnen in den Weg zu stellen und fuchtelte wild mit den Armen herum, doch sie gingen durch sie hindurch, wie durch eine Nebelschwade. Verzweifelt ließ sie Kopf und Schultern hängen. Erst als wir vor ihr stehen blieben, hob sie ihren Blick. “Gott sei Dank, jemand, der nicht befallen ist. Ihr müsst euch unbedingt verstecken, bevor es euch auch erwischt!” Als wir uns nicht rührten, wurde sie noch hektischer, also versuchte ich, sie zu beruhigen. “Keine Sorge, uns kann nichts passieren. Was ist hier los?”, fragte ich die etwas füllige, ergraut wirkende Erscheinung vor uns. Talvina überlegte kurz, haderte einen Moment mit sich, als sie den drei jungen Leuten hinterher blickte, doch dann sprudelte es aus ihr heraus: “Ich habe für meinen Garten einen eigenen Schneckenschutz entwickelt. Ich fand es immer so eklig, sie einzusammeln und töten wollte ich sie nicht, also habe ich mir ein paar Sachen besorgt und an etwas geforscht, das meine Beete düngen und gleichzeitig die Schnecken fernhalten sollte.” “Mit ‘geforscht’ meinst du experimentiert?” unterbrach ich sie. “Wir wissen von der Explosion, irgendwas ist nicht ganz wie gewünscht verlaufen, oder?” Sie blickte verlegen zu Boden, bevor sie weiter erzählte: “Mein Mittel hat eine ganze Weile wunderbar funktioniert. Die Schnecken, die noch da waren, wurden langsamer, aber sie begannen nach und nach zu verschwinden und weg zu bleiben. Und meine Beete sahen sensationell aus. Doch dann kamen sie wieder, massenhaft, und sie fielen übereinander her und fraßen sich gegenseitig auf. Das war das ekligste, was ich jemals in meinem Leben gesehen hatte. Aber damit war die Sache noch nicht vorbei. Ihre toten Körper, besser gesagt, das, was davon überall in meinem Garten verteilt lag, begann sich aufzulösen und davon zu wehen. Wie Pilzsporen, aber etwas derartiges habe ich in meiner Mischung gar nicht verwendet. Es hat ein paar Wochen gedauert, aber jetzt ist die halbe Stadt infiziert. Die meisten von ihnen sind noch im ersten Stadium, in dem sie umherwandern, aber die ersten haben angefangen, in Stadium 2 zu wechseln und aktiver zu werden. Ihr Verlauf ist langsamer, aber wenn er mit dem der Schnecken übereinstimmt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis hier alle übereinander herfallen und sich gegenseitig in Stücke reißen.”
Ich hörte Nimitz neben mir seufzen: “Hat sie gerade das gesagt, wovon ich denke, dass sie es gesagt hat?” Ich starrte Talvina nur an, bevor ich, halb ungläubig, halb amüsiert, zusammenfasste: “Du hast also ‘aus Versehen’ deine ganze Stadt in – Muss ich es wirklich aussprechen? Na gut… – Zombies verwandelt und dich dabei selbst in die Luft gesprengt?” “Ich…nun…ich glaube das habe ich. Bin ich…bin ich wirklich tot?” Nimitz wurde wieder ungeduldig und mischte sich ein: “Naja ich sags mal so, deine unfreiwilligen Versuchskaninchen dürften kein Interesse mehr an dir haben. Du hast dir einen Freifahrtschein ins Jenseits gesichert und um den riesigen Misthaufen, den du in deine Stadt gesetzt hast, wird sich jemand anders kümmern müssen. Und das werden nicht wir sein. Komm Deremona, öffne einen Durchgang nach Hause und wir beenden unsere Arbeit solange wir noch die Gelegenheit dazu haben. Talvina, mitkommen! Sollen sich die Oberen mit dem Rest rumplagen.”
Talvina war aber nicht daran interessiert, ihre Forschungen so schnell aufzugeben: “Ich stand so kurz vor einem Durchbruch. Als ich bemerkte, was passiert war, habe ich ein paar der Betroffenen heimlich eingefangen und an einem Gegenmittel gearbeitet. Ich war auch erfolgreich, die Symptome haben sich zurückentwickelt, aber als ich mehr davon machen wollte, habe ich eine Gasflasche umgeworfen und bin gegen das Regal geknallt. Einige der Chemikalien, die ich für meine…Arbeit…brauche, sind dabei umgefallen und die Dämpfe haben sich entzündet und puff…”, dabei machte sie eine entsprechende Geste mit beiden Händen, “…war mir erst verdammt heiß und dann fühlte ich gar nichts mehr. Blöderweise sind dabei einige meiner Testpersonen entwischt, ihr habt sie vorhin gesehen. Ich kann sie doch nicht einfach so im Stich lassen. Diese Kinder waren mal meine Schüler.” Nimitz verdrehte die Augen: “Alles schön und gut, aber trotzdem nicht unsere Baustelle. Wir gehen und du kommst mit!” “Aber wäre es nicht hilfreicher, wenn wir in Midnight Bescheid geben und sie denen dann erklärt, was genau sie da in ihrem Frankenstein-Labor zusammengebraut hat? Wenn wir sie mitnehmen, vergisst sie alles.” mischte ich mich jetzt ein und bereute es sofort wieder, denn Nimitz schickte mir postwendend seinen besten Ich-werde-dir-deine- Eingeweide-heraus-reißen-und-sie-als-Toilette-benutzen-Blick. Mit zusammengekniffenen Zähnen antwortete er: “Na gut, du bleibst hier und ich verständige, wen auch immer ich finden kann. Hauptsache das hier findet ein Ende, bevor wir uns wieder in irgendeine Scheiße reiten können.” Er schimpfte weiter vor sich hin, während er sich umdrehte und nach Midnight verschwand. Ich setzte mich auf einen Randstein, während Talvina ein paar Meter weiter unruhig im Kreis schwebte.
Nur wenige Augenblicke später tauchte Nimitz wieder auf und sah irgendwie noch angefressener aus, als zuvor. Ich hätte nicht gedacht, dass das noch möglich war. Mit ausdruckslosem Gesicht sah er mich an und fragte: “Willst du die zuerst die gute oder die schlechte Nachricht hören?” “Ich schätze mal ich fange mit der schlechten an?” “Sie…ähm…haben niemanden, den sie schicken können, du weißt ja, Halloween und der übliche Wahnsinn. Aber jemand vom Räumkommando ist schon vor Ort.” Ich blickte mich kurz um und sah ihn dann verdutzt an. “Wo? Außer uns ist hier keiner. Hast du gerade nicht gesagt, sie können niemanden herschicken?” “Korrekt. Und damit komme ich zur guten Nachricht: Du wurdest soeben befördert. Herzlichen Glückwunsch. „Du gehörst, wenn auch nur befristet, ab sofort, vorübergehend, dem Räumkommando an.” Dabei grinste er verbissen und in meinem Kopf brüllte nur eine Gedanke: “Warum immer ich?” “Kannst du deine Lebenskrise auf später verschieben? Dank deiner Angewohnheit, zu reden, ohne vorher nachzudenken, haben wir gerade größere Probleme.”, gab Nimitz laut zurück, damit auch Talvina etwas von unserer Unterhaltung hatte.
“Wenn ich etwas vorschlagen dürfte.”, unterbrach Talvina meinen Nervenzusammenbruch. “Ich kann euch genau sagen, was ihr machen müsst, um die Leute zu heilen. Niemand von ihnen müsste sterben, nun ja, zumindest niemand, der bis dahin nicht gefressen wird. Ihr müsstet nur ein paar Materialien besorgen. Ich werde euch keine große Hilfe beim Tragen sein, aber ich zeige euch, wo ihr alles findet und was ihr dann tun müsst.” Sie hatte einen Punkt, in ihrem Seelenzustand konnte sie nicht viel ausrichten, aber wir konnten das. Wenigstens war es einen Versuch wert.
Bevor wir uns an die Arbeit machten, verbrachten Nimitz und ich erstmal eine Weile damit, eine Barriere aus verschiedenen Bannen um die Stadt zu ziehen und dabei so viele Bewohner wie möglich in Häusern, Schuppen und Garagen ein, damit sie die Ortschaft weder verlassen und den “Befall” weiter verbreiten, noch aufeinander losgehen konnten. Die umliegenden Wälder waren dabei von Vorteil, aus irgendeinem Grund war das für die Schneckenhirne eine natürliche Grenze (mit dem Begriff fühlten wir uns irgendwie wohler, als sie weiter Zombies zu nennen). Nachdem wir uns fast sicher waren, alle erwischt zu haben, ging es ans Einsammeln der Materialien. Da Talvinas Labor bei ihrem Ableben mit ihr in die Luft geflogen war, mussten wir uns anschließend einen anderen Ort für unsere Hexenküche suchen und so machten wir uns in der Garage eines der nächstgelegenen Häuser breit. Währenddessen wurde Talvina zusehends nervöser und unentspannter. Während wir versuchten, ihren Anweisungen nachzukommen, wurde der Ton, in dem sie mit uns sprach, immer ungehaltener. Mit erst verzweifelten, bald aber schon fast zornigen Blicken, sah sie immer wieder von dem kleinen, staubigen Fenster in einer der Wände zu uns herüber, als ob irgendetwas hiervon unsere Schuld gewesen wäre. Schließlich herrschte sie uns regelrecht an, wenn wir ihren Instruktionen nicht schnell genug Folge leisteten.
Jenseitsbewohner brauchen zwar keinen Schlaf, schließlich leben wir ja auch nicht mehr im herkömmlichen Sinn, aber nach stundenlangem Banne wirken, Fangen spielen mit den Schneckenhirnen und anschließendem Zaubertrank-Unterricht aus der Hölle ging auch Nimitz und mir langsam die Puste aus. Und als wäre das alles noch nicht absurd und anstrengend genug gewesen, erreichte unsere Mission eine neue Eskalationsstufe, als Talvina bei dem verzweifelten Versuch, uns noch weiter anzutreiben, eine der Lampen von der Decke holte. Sie war drauf und dran, ein Geist zu werden und damit zu einem weiteren Problem in dieser unheilvollen Nacht zu werden, doch der Krach, den sie bei ihrem unfreiwilligen Ausbruch verursacht hatte, schien sie wieder zur Besinnung zu bringen. Verdutzt sah sie uns an und fragte mit einem Blick auf die Trümmer der Lampe mit leiser, ängstlicher Stimme: “Was war das?” Wir erklärten ihr kurz, was mit ihr passieren würde, wenn sie sich weiterhin so grämte – nämlich dass sie, zur Heimsuchung für ihre Stadt werden könnte, bzw. das, was dann davon noch übrig sein sollte. Unter Umständen wie diesen und in einer Nacht wie dieser, konnten wir nicht ausschließen, dass sie zu etwas werden könnte, das noch weit mehr Unheil in die Welt tragen könnte, als gewöhnliche Geister. Um das zu verhindern, mussten wir uns beeilen. Trotz der Erschöpfung, die uns inzwischen regelrecht plage, nahmen Nimitz und ich unsere Arbeit wieder auf, während Talvina besorgt am Fenster stand, während sie uns die letzten Schritte zur Herstellung des Gegenmittels zuwisperte.
Plötzlich wurde die ehemaligen Lehrerin ganz still und sah mit starrem, angsterfülltem Blick nach draußen. “Talvina? Was ist los?”, fragte ich sie. Beim vierten Mal schien sie mich erst wirklich zu hören. Erschrocken blickte sie zu Nimitz und mir herüber und stammelte: “Es hat begonnen. Sie fangen an, aufeinander los zu gehen.” Wir sprinteten zum Fenster und sahen eine Frau, die versuchte einer anderen das Gesicht blutig kratzen, während diese versuchte, ihrer Angreiferin Stücke aus dem Arm zu beißen. Wir hatten also doch nicht alle Einwohner erwischt oder einige hatten sich schon wieder befreit. Schlecht. Sehr schlecht. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis es die ersten Toten geben würde. Nimitz hatte die Infizierten bei unserer Einfangaktion genauer in Augenschein nehmen können und war sich sicher, dass ihre Seelen zwar verändert, aber intakt und ihre Körper noch lebendig waren, auch wenn es nicht den Anschein machte. Es war für ihn jedoch schwer abzuschätzen, wie lange das noch so bleiben und was mit ihren Seelen passieren würde, wenn sie als Befallene starben, aber er vermutete nichts Gutes.
“Was habe ich nur getan? Bitte helft mir, das wieder in Ordnung zu bringen.”, bat uns die ältliche Dame eindringlich. Realistisch gesehen hatten wir an diesem Punkt auch gar keine andere Wahl mehr, als ihr zu helfe. Wir saßen quasi auf zwei existenziellen Zeitbomben, ohne zu wissen, wann deren Timer ablaufen. Großartig! Also hofften wir, dass wir bei unserem astralen “Schutzschild” um die Stadt herum keine Fehler gemacht hatten und versuchten, den Weltuntergang außerhalb der Garage zu ignorieren und weiterzuarbeiten, auch wenn die Geräusche draußen langsam immer animalischer, ekliger und schmerzhafter klangen, und beendeten so schnell wir konnten, was wir begonnen hatten. Ein Weilchen später zeichnete sich ein zuversichtliches Glänzen in Talvinas Augen ab, wir schienen unsere Sache gut gemacht zu haben.
Als Ergebnis unserer Experimente lagen auf der Werkbank vor uns mehrere Fläschchen mit Sprühkopf, die mit einer undefinierbar grau-braunen Flüssigkeit gefüllt waren. Unsere nächste Aufgabe bestand darin, die mittlerweile blutig wütenden Einwohner dieses beschaulichen Städtchens damit einzunebeln, bevor sie sich endgültig gegenseitig zu Klump hauen konnten.
Also verließen wir unser “geheimes Labor” auf Zeit und begannen damit, die Orte abzuklappern, in denen wir zuvor einen Großteil der Befallenen einsperren konnten und verteilten die merkwürdig riechende Brühe so gut es ging auf ihnen. Ich hatte das Gefühl, wir machten unsere Aufgabe ganz gut, aber ein Blick auf Talvina sagte mir, dass das vielleicht nicht reichen würde. Die ursprünglich leuchtend klare Seele der verstorbenen Hobbybiologin begann zusehends, sich zu verändern. Sie wirkte jetzt fester, dunkel eingetrübt und irgendwie…verzerrt. Wenn sie mit uns sprach, wurde ihre Stimme zudem von einem unangenehmen Kratzen begleitet, das immer lauter zu werden schien, je länger wir unterwegs waren und sie wirkte immer abwesender, bis sie sich schließlich ganz in kaum verständliche Selbstgespräche zurück zog. Hin und wieder hörten wir aus ihren Worten ein “Ich kann sie fühlen…sie hören mich…” heraus. Sie schien eine seltsame Verbindung zu den Infizierten aufzubauen und führte uns, versunken in ihre eigenen Gedanken, zielsicher von einem Ziel zum anderen, als würden die Schneckenhirne eine ganz eigene Anziehung auf sie zu haben, die mir und selbst Nimitz verborgen blieb.
Leider hatten unsere provisorischen Gefängnisse nur wenig ausrichten können. Das wie konnten wir uns nicht wirklich erklären, aber viele der eingesperrten, zombifizierten Dorfbewohner hatten es geschafft, sich zu befreien und wanderten nun wieder fröhlich in der Gegend herum, auf der Suche nach jemanden, über den sie herfallen konnten. Wir hatten Glück, viele begegneten uns allein oder in kleineren Grüppchen. In Richtung der Innenstadt vor uns hatten sich jedoch auch schon größere Meuten gebildet, die nun durch die Straßen des kleinen Städtchens randalieren und überall blutige Spuren hinterließen. Der Wind aus dieser Richtung roch leicht süßlich-metallisch. Darum würden wir uns später kümmern müssen, erstmal die einfachen Fälle behandeln. Als wir gerade dabei waren, eine Bande blutrünstiger Achtklässler einzusprühen, schwebte Talvina an uns vorbei und berührte Nimitz dabei leicht. Dieser erschauderte kurz und schickte mir einen unguten Gedanken: “Sie ist befallen. Ihre Seele meine ich. Sie muss sich vor ihrem Tod noch infiziert haben, anders kann ich mir nicht erklären, warum ihre Seele so schnell so instabil werden konnte. Als sie mich gerade berührt hat, hatte ich kurz das Gefühl, als wäre jetzt noch etwas anderes in ihr.” – “Was meinst du mit ‘was anderes’?” – “Ich kann es dir nicht erklären, aber sie ist nicht mehr sie selbst. Ihre Seele fühlt sich verdreht an. Wir müssen vorsichtig sein.”
Kaum waren seine Worte in meinem Kopf verhallt, passierten mehrere Dinge gleichzeitig: Talvina begann, laut zu stöhnen und unverständliche Laute von sich zu geben, sämtliche Befallene unserer Nähe wandten sich wie auf ein für uns unhörbares Kommando zu uns um und aus den Nebenstraßen erhob sich plötzlich eine Kakophonie aus lautem Poltern und unmenschlichen, wut- und schmerzverzerrten Schreien, die sich auf uns zu bewegten. In unseren Köpfen schrillten sämtliche Alarmsirenen dieser und anderer Dimensionen, als wir uns wieder Talvinas astralen Überresten zuwandten. Die Sache ist die: normale Verlorene können schon echt fies sein, besonders wenn sie in ihrem früheren Leben viel Groll verspürt haben. Aber was wir hier vor uns hatten, war quasi die Crack-Variante davon.
Das verunstaltete Ding, das von Talvinas Seele zurückgeblieben war, drehte sich diabolisch grinsend zu uns um. “Danke, dass ihr mir geholfen habt, sie zu unterwerfen! Ohne euch wäre es mir in diesem jämmerlichen Zustand nicht möglich gewesen, ihnen genug von meinem Mittel zu verabreichen, um sie endgültig unter meine Kontrolle zu bringen. Inzwischen haben wir genügend von ihnen gesammelt, dass der Rest sich von ganz alleine anstecken wird. Mein ganzes Leben lang haben sie auf mich herab gesehen, über mich gelacht, mich gedemütigt. Keiner von ihnen hatte mehr für mich übrig, als ein paar geheuchelte Floskeln der Höflichkeit und bemitleidenswerte Blicke auf die arme, kinderlose, schrullige, alte Talvina. Doch nun gehören ihre lächerlichen kleinen Leben alle mir!” Diesen miesen Plottwist hatten wir so nicht kommen sehen. Ich hätte auf Nimitz hören und den ganzen Scheiß hier von Anfang an jemand anderem überlassen sollen. Hätte ich meine verdammte Klappe gehalten als Nimitz mit unserer Seele zurück nach Midnight wollte, wären das blutige Gemetzel und der Abklatsch einer Comic-Bösewichtin, die vor uns in der Luft schwebte, nicht unser Problem gewesen.
Die Menge an Infizierten um uns herum war in der kurzen Zeit, in der wir hier standen, immer größer geworden und erst jetzt fiel mir auf, dass unter ihnen nicht mehr nur befallene Menschen waren, sondern auch solche, die aussahen, als hätten sie ein wildes Date mit der Kühlerhaube eines Lastwagens gehabt und die eindeutig tot sein sollten. Aber irgendetwas schien ihre Seelen in ihren Körpern festzuhalten, sodass sie sich einfach weiter bewegten.
„Oh, verdammt.“, zischte Nimitz. „Wir haben uns einen verdammten Nekromanten herangezüchtet!“ Talvina lachte manisch, während ihre „Armee“ sich in Bewegung setzte, um uns weiter einzukreisen. „Ihr wolltet helfen? Dann helft mir, mein Volk weiter zu vergrößern! Es soll nicht nur aus diesen wandelnden Fleischhaufen bestehen. Wer sich mir freiwillig anschließt, darf bleiben, wer er ist. Er wird von mir nur ein wenig…modifiziert…und mit ein paar besonderen Leckerbissen wie euch an meiner Seite, stehen die Tore von Dies- und Jenseits für mich offen. Unterwerft euch oder werdet vernichtet” Die Meute und ihr Anführer bewegten sich in einem immer enger werdenden Kreis auf uns zu. Sie rochen unangenehm nach Blut und Verwesung und je näher sie kamen, umso unerträglicher wurde die Luft um uns herum. “Kann sie das, uns vernichten meine ich?” frage ich Nimitz unsicher. Dieser antwortete, ohne den Blick von dem Geschehen um uns herum abzuwenden: “Unter normalen Umständen würde ich sagen, dass ihr eindeutig die Macht dazu fehlt, aber ich habe noch immer keinen blassen Schimmer, was hier los ist. Von daher könnte alles möglich sein. Wir sollten uns hier schleunigst verziehen und einen Bio-Exorzisten oder sowas organisieren. Eine korrumpierte Seele mit diktatorischen Weltherrschaftsplänen ist definitiv eine Nummer zu groß für uns. Aber wir müssen schnell sein, bevor einer von denen uns nach Midnight folgen kann. Los, öffne ein Portal und pass auf, dass du es sofort wieder schließt, wenn wir da sind.” Das musste er mir nicht zweimal sagen, mir war bewusst, dass die Lage um uns herum immer brenzliger wurde. Die neu ernannte Königin der untoten Bevölkerung von Hinterwaldhausen schien zu ahnen, dass wir uns nicht so einfach ihrer Horde von nach Gewalt und Zerstörung hungernden Untertanen anschließen würden und gab ihnen mit einem lauten, verzerrten Schrei, der bis heute in meinen Gedanken nachhallt, ein Zeichen, sich auf uns zu stürzen. Bevor sie auch uns zu einen der ihren machen konnten, rief ich meine Sense herbei und öffnete mit einer schneidenden Bewegung ein Portal nach Hause, bevor uns auch dieser Ausweg versperrt sein würde. Noch während wir uns zwischen den Dimensionen befanden, konnte ich die verzweifelte Wut der brutalen Meute hinter uns aufflammen spüren, deren Beute um Haaresbreite entwischt war. Mir war, als könnte ich den Sog eines äußert mächtigen Fluches auf uns zurollen spüren, dann waren wir in Midnight und ich schloss den Durchgang hinter uns augenblicklich. Mit einem harten Aufprall kullerten Nimitz und ich, augenscheinlich unversehrt über das verwitterte Kopfsteinpflaster vor den Toren Reapertowns.
Wir hatten uns erfolgreich Talvinas Fängen entziehen können, mussten aber dennoch so schnell wie möglich den zuständigen Behörden Bescheid geben und machen uns daher eiligen Schrittes auf den Weg zum nächstgelegenen Reaperposten. Von dort aus schickte man uns immer weiter die Hackordnung rauf – ich hatte das Gefühl, niemand wollte unser Problem offiziell zu seinem machen – bis wir endlich bei jemandem landeten, der zu hochrangig war, um uns weiter abzuweisen. Immer wieder wiederholten wir unsere Geschichte und sollten schließlich zusammen mit einem Verstärkungstrupp zum Ort unserer Schande zurückkehren. Was uns dort erwartete, verschlug uns fast den unsterblichen Atem, denn vor uns sahen wir….nichts. Von Talvina und ihren Anhängern, war weit und breit keine Spur zu sehen. Gleiches galt auch für die Seelen der Dorfbewohner, die bei dem nächtlichen Massaker drauf gegangen sein mussten. Nicht mal ein Tröpfchen Blut war zu sehen. Vor uns lag eine Geisterstadt, die aussah, als wäre sie bereits vor Jahrzehnten ausgestorben. Das Räumkommando, mit dem wir angerückt waren, kam sich mächtig verarscht vor, als wir erklärten, dass es hier wohl niemanden mehr zu räumen gab und verzogen sich nach doppelter Überprüfung der Umgebung schimpfen zurück in ihre Einsatzzentrale, sodass wir allein mit diesem Rätsel zurück gelassen wurden.
Nimitz und ich werden bis heute nicht schlau aus der Sache, obwohl wir das Ganze gemeinsam mit den anderen auf Gørdys Halloweenfeier stundenlang diskutierten. Dieser war zunächst ein wenig geknickt, weil seine Filmauswahl durch unsere Erzählung zur Nebensache wurde. Je mehr wir aber erzählten, fachsimpelten und immer wildere Theorien sponnen, was es wirklich mit unserem Erlebnis auf sich hatte, umso verbissender wurde er bei der Suche nach des Rätsels Lösung. Wir einigten uns auf drei Dinge, die am wahrscheinlichsten waren. Erstens: Nimitz und ich waren aus Versehen in einer verdrehten Version des Diesseits oder einer Zeitschleife gelandet. Zweitens: Eine unbekannte, machtvolle Entität hatte sich Talvinas Körper und/oder Seele bemächtigt und als Tarnung für einen viel größeren Plan benutzt. Oder drittens: Das alles war nicht wirklich echt, sondern nur eine Laune der kosmischen und astralen Einzigartigkeit von Halloween. Was auch immer es war, wir werden es vermutlich nie erfahren. Falls doch, lasse ich es dich natürlich als erstes wissen. Bis dahin wünsche ich dir jedoch ein schauriges, Gänsehaut verursachendes Halloween. ❡
Bis bald
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